Warum ich jeden Menschen behandele/behandeln werde

TW: In diesem Text geht es u.a. um Menschen, die andere Menschen bewusst verletzen oder ermorden (wollen), aber auch um sexualiserte Gewalt.

Heute bin ich auf Twitter auf eine Diskussion gestoßen, die sich mit dem Thema auseinandersetzte, wie man denn als Ärzt*in Menschen behandeln kann, die die Menschenwürde für alle Menschen ablehnen, die Menschen bewusst ermorden wollen, die sich selbst über andere hinwegsetzen wollen. Als Beispiel wurden Anhänger*innen der Nationalsozialistischen Ideologie, Terrorist*innen oder auch Menschen, die anderen Menschen Gewalt antun, genannt. Mir gab das zum Nachdenken. Vor allem darüber, wie weit sich das Genfer Gelöbnis, was der moderne hippokratische Eid ist, geht und wo vielleicht auch die Grenzen liegen.

Im Jahr 1948 wurde durch die „Genfer Deklaration des Weltärztebundes“ eine ethische Grundlage für die Behandlung durch Ärzt*innen weltweit geschaffen. Die Basis für selbige bildete der sicher vielen von meinen Leser*innen bekannte, hippokratische Eid. Letzterer stammt aus dem 1. Jahrhundert vor Christus und bildet seitdem die Grundlage jeglicher medizinische Ethik und beinhaltet unter anderem die medizinische Schweigepflicht und auch das Behandlungsgebot gegenüber allen Patient*innen. Im später vor allem als Genfer Gelöbnis bekannten Text werden diese zentralen Punkte jeder Behandlung von Patient*innen noch konkretisiert und durch weitere Verpflichtungen erweitert. So gelobt jede*r Ärzt*in im Rahmen seiner*ihrer Ausbildung, dass Gesundheit und Wohlergehen der Patient*innen sein*ihres höchstes Anliegen sein werden. Auch ist einige Zeilen später die Rede davon, dass niemand auf Grund von „Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren“ (Aktualisiertes Genfer Gelöbnis, 2017) schlechter oder besser behandelt werden darf.
Um das ganze also zusammenzufassen: Jede*r Patient muss gleich behandelt werden.

Doch genau diese Einstellung steht im Konflikt mit dem natürlichen Gerechtigkeitsgefühl von sehr vielen Menschen. Auf einer persönlichen Ebene kann ich den Gedankengang sogar nachvollziehen und sogar mitfühlen. Denn eigentlich widerstrebt es auch mir, Faschist*innen, Terrorist*innen oder Vergewaltiger*innen zu behandeln. Und dennoch glaube ich fest daran, dass Ärzt*innen und andere medizinische Fachkräfte auch diese Personen behandeln müssen. Denn selbst wenn diese Menschen umgangsprachlich gesagt, auf die Menschenwürde scheißen und sehr viele andere – in jedem Fall zu viele – Menschen wie Dreck behandeln, ist es an der Medizin genau jene Menschenwürde zu achten und zu schützen. Genau dies wird als einer der ersten Punkte im Genfer Gelöbnis genannt. So gelobt jede*r Ärzt*in sein*ihr „Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“ (Aktualisiertes Genfer Gelöbnis, 2017). In meinen Augen bedeutet das eben auch, eben diese Menschlichkeit zu verteidigen.

Ja, medizinische Ethik stellt einen – gerade als werdende Ärzt*innen oder andere medizinische Fachkräfte und gleichzeitig Antifaschist*innen – immer wieder vor solche schwierigen Fragen. Aber gleichzeitig ist die medizinische Ethik meist von dem Standpunkt des von Sigmund Freud 1923 erstmalig beschriebenen „Über-Ichs“ und das ausschließlich zu sehen. Damit ist sie in moralischer Hinsicht, meist besser, weiser und als richtiger hinzunehmen als die persönliche Einschätzung und Meinung über eine Situation.

Am Ende bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich durch meine medizinische Ausbildung dazu verpflichtet sehe und fühle, jeden Menschen – unabhängig von „Alter, Krankheit oder Behinderung, Glaube, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, politischer Zugehörigkeit, Rasse, sexueller Orientierung, sozialer Stellung oder jeglicher anderer Faktoren“ (Aktualisiertes Genfer Gelöbnis, 2017) – zu behandeln.

Lasst uns gerne in den Kommentaren darüber diskutieren.

TW Ende.

Bildquelle: https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/2017/10/img137554634.jpg

Textquelle: https://www.wma.net/policies-post/wma-declaration-of-geneva/

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s