Homöopathie und der Placeboeffekt

Um in Deutschland ein normales Medikament zuzulassen, braucht es komplexe Studien, in denen unter anderem die Wirksamkeit des Medikaments über den Placeboeffekt hinaus nachgewiesen werden muss und welche normalerweise mindestens verblindet, wenn nicht sogar doppelt-verblindet durchgeführt werden. Das heißt, dass der Patient (bei einfach-verblindeten Studien) und der Verabreichende (bei doppelt verblindeten Studien) nicht wissen, ob sie nun das Placebo oder den aktiven Wirkstoff erhalten. Nur der Studienleiter kennt bei dem Goldstandard der Doppelverblindung die jeweilige Zuordnung (wobei dieser Wiederum nicht weiß, wer die Patienten konkret sind). Erst bei der Auswertung der Studienergebnisse wird die Verblindung aufgehoben. Auch muss nachgewiesen werden, dass das Medikament mehr nutzt als schadet, dass also die Nebenwirkungen im Vergeleich zur Wirkung zu rechtfertigbar sind. Was dabei aber wichtig zu verstehen ist: Es gibt keine Wirkung eines Medikaments ohne eine entsprechende Nebenwirkung. Keine Wirkung ohne Nebenwirkung.

Für homöopathische Arzneimittel gilt jedoch ein anderes Zulassungsverfahren. Dieses ist noch ein Relikt aus dem dritten Reich und wurde seit dem kaum bis gar nicht angepasst. Dies führt dazu, dass bei homöopathischen Arzneimitteln weder ein Wirkungsnachweis über den Placeboeffekt hinaus, noch eine Abwägung zwischen Wirkung und Nebenwirkungen durchgeführt werden muss (wenn es keine Wirkung gibt, gibt es gerade bei Globulis auch keine Nebenwirkung). Natürlich sind Globuli nicht die einzige Form der homöophathischen Arzneimittel, aber es sind die bekanntesten und daher beschäftige ich heute vor allem mit jenen.

Der Placeboeffekt ist ein noch nicht komplett wissenschaftlich verstandener, psychologischer Effekt, der in Folge der Erwartung auf die Wirkung eines Medikaments oder sogar Stoffs auftritt. Ein Gedankenexperiment dazu: Sie – der*die Leser*in – arbeiten in einem Büro, in dem es eine große Kanne mit Kaffee gibt. Normalerweise gibt es koffeinhaltigen Kaffee mittlerer Stärke. Als die Kaffeekanne leer ist, kochen Sie wieder Kaffee und nehmen nun ausnahmsweise entkoffeinierten Kaffee (warum es so was überhaupt gibt, frage ich mich seit Jahren). Sie kochen einen besonders starken Kaffee. Alle Ihre Mitarbeitenden nehmen nun diesen entkoffenierten Kaffee und Sie werden feststellen, dass trotz des fehlenden Koffeins die Wirkung des selbigen trotzdem eintritt.
Ein anderes Beispiel kommt aus der Medizin. So wirkt eine Kopfschmerztablette (zum Beispiel Ibuprofen 400mg) schon weit bevor der Wirkstoff überhaupt im Blut angekommen ist. Beide hier beschriebenen Beispiele sind auf den Placeboeffekt zurückzuführen.
Der Placeboeffekt geht nach einer Studie sogar soweit, dass Menschen nach Placebo-OPs – zum Beispiel am Knie – ein gleich gutes Outcome haben, wie Menschen, die tatsächlich operiert wurden.
An und für sich ist der Placeboeffekt weder schlimm noch nicht zu verwenden. Gerade bei nicht-potentiell-lebensbedrohlichen, chronischen Erkrankungen kann der Placeboeffekt zum Beispiel bei Schmerzpatient*innen zur Behandlung dieser verwendet werden. Ein anderes Beispiel ist zum Beispiel eine ergänzende Behandlung. So werden homöpathische Präperate teilweise in der Krebstherapie als Ergänzung zu einer Schmerztherapie oder zur Abmilderung von Nebenwirkungen verwendet. Niemals jedoch als einziges Medikament.

Gefährlich wird es allerdings dann, wenn mit Arzneimitteln, die nicht über den Placeboeffekt hinaus wirken, lebensbedrohliche Erkrankungen geheilt werden sollen. So behaupten einige Heilpraktiker*innen auf homöopathischen Wegen schwere Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs zu behandeln. Sobald eine solche Behandlung stattfindet, wird eine rein-homöopathische Therapie tatsächlich lebensgefährlich. Dass Globuli nicht über den Placeboeffekt hinaus wirken, ist in vielen Studien inzwischen ausreichend bewiesen.

Doch warum bin ich nun der Meinung, dass der aktuelle Umgang mit homöpathischen Arzneimittel und Heilpraktiker*innen in Deutschland problematisch ist.
Globuli werden wie die meisten schulmedizinischen Medikamente in Deutschland in Apotheken vertrieben. Dies suggeriert, dass Globuli einen vergleichbaren Effekt wie Medikamente mit wissenschaftlichem Wirkungsnachweis über den Placeboeffekt hinaus haben. Außerdem zahlen die gesetzlichen Krankenkassen und damit im Prinzip alle, die über gesetzliche Krankenkassen versichert sind, homöopathische Medikamente ohne Wirkungsnachweis.
Außerdem müssen Heilpraktiker*innen, die durch das Heilpraktikergesetz1 auch heilen dürfen, keine staatlich durchgeführte Prüfung, wie ein Staatsexamen durchführen. Und trotzdem dürfen selbige Arzneimittel verabreichen oder verschreiben. Dieser gehobene Status der Heilpraktiker*innen, im speziellen der Homöopathie, lässt sich auf das dritte Reich zurückführen, in welchem Heilpraktiker*innen u.a. die „Rassenlehre“ der Nazis mit unterstützten. Zudem war Hitler selbst ein großer Fan der Homöopathie.

Ich persönlich bin nicht für ein Verbot der Homöopathie, sondern eher für eine bessere Aufklärung über selbige UND dafür, das die gesetzlichen Krankenkassen, nicht mehr so einfach homöopathische Arzneimittel bezahlen. Ja, die Menschen sollen weiterhin diese Arzneimittel nehmen dürfen, sollten dann aber auch über die entsprechende nicht über den Placeboeffekt hinausreichende Wirkung aufgeklärt werden müssen und die Gesellschaft sollte nicht für Medikamente zahlen müssen, die nicht über den Placeboeffekt hinaus wirken.

1 Das Heilpraktikergesetz bestimmt, wer neben Ärzt*innen in Deutschland heilen darf. Aktuell umfasst das Heilpraktiker*innen mit einer entsprechenden Berufserlaubnis. Diese stellen normalerweise die Gesundheitsämter aus. Dafür muss eine eine entsprechende Prüfung abgelegt werden, die sich aber nicht mit der Staatsexamensprüfungen für angehende Ärzt*innen vergleichen lässt.

Bildquelle: https://taz.de/picture/3291967/948/22566467.jpeg

1 Comment

  1. Das Heilpraktikergesetz erscheint in Anbetracht der vielen Missbrauchsmöglichkeiten als zu knapp. Der medizinische Laie ist zwangs mangelnden Fachwissens dazu gezwungen, auf die Kompetenz seines Arztes zu vertrauen. Viele Bürger können nachvollziehbarerweise nicht gut genug zwischen Ärzten und Heilpraktikern unterscheiden und vertrauen so unverhältnismäßig stark auf die Auskünfte von solchen Praktikern. Dieser Effekt wird unterstützt von homöopathienahen Ärzten. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Ein Heilpraktiker sollte in keinem Fall behandeln dürfen, wenn das Leben des Patienten auch nur ansatzweise gefährdet sein könnte. Außerdem würden Hinweispflichten helfen. Der Staat will seriöse medizinische Versorgung durch ein Staatsexamen sicherstellen, lässt dann aber wirre Heilpraktiker und die gierige Homöopathie-Lobby auf den Bürger los?

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